Interviewfilm: Spät gefragt

In diesem zwanzigminütigen Film werden jugendliche Spätaussiedler aus dem Landkreis Bad Kissingen befragt, ob sie nach Deutschland wollten, wie sie sich das vorstellten, was dann geschah und wie es ihnen jetzt geht.Der Film trägt den Titel “Spät Aussiedler im Landkreis (Bad Kissingen) befragt”. Wer genau hinsieht merkt, dass der Titel am Schluss nur noch “Spät gefragt” heißt.

Es finden fünf Interviews statt:
1. Olga, Katharina und Veronika
2. Lena
3. Jungs (anonymisiert, wortwörtlich nachgesprochen)
4. Swetlana
5. Julia (Name und Stimme verändert, Person kann nicht erkannt werden)

Folgende Fragen sind für eine Diskussion sehr interessant:

Frage: Wollten alle nach Deutschland?
Antwort: Nein, nicht alle (Veronika und Lena wollten nicht), manche wurden überredet.

Frage: Was fällt auf, wie wurden die Kinder überredet?
Antwort: Es wurden Versprechen gemacht, dass in Deutschland alles besser sein soll.

Frage: Welche Vorstellungen hatten sie alle von Deutschland?
Antwort: Einfacheres Leben, bessere Arbeitsmöglichkeiten, besserer Lohn, Ausbildung und Bildungschancen, großes Haus (mit Dienern), eigenes Auto, nicht ausgegrenzt zu werden.

Frage: Welche Vorstellung hatte Julia, was ist an ihr anders und wie ging es ihr in Deutschland?
Antwort: Julia konnte von Anfang an super Deutsch. Sie wollte sofort auf die Schule gehen und lernen. Man hat es ihr nicht mal so sehr angemerkt, dass sie aus Kasachstan stammt. Trotzdem hat sie keine Schule genommen (oder nehmen können), sie wurde schwer enttäuscht und musste zurück auf die Realschule. (Auf das Gefühl eingehen, wenn man keine Chance erhält, obwohl man zur Leistung bereit ist).

Frage: Sind ihre Vorstellungen in Erfüllung gegangen?
Antwort: nur zum Teil, viele Ziele (Arbeit und Ausbildung) sind nur schwer und nicht für alle erreichbar. Olga hat weder Diener, noch ein großes Haus. Julia wollte das Gymnasium fertig machen und musste dann erst noch mal auf die Realschule (war sehr große Enttäuschung).

Frage: Wie schildern sie ihr Herkunftsland und wie Deutschland?
Antwort: Im Herkunftsland hatten sie mehr Möglichkeiten, es war nicht alles geregelt und mit Gesetzen versehen. Sie konnte mehr machen, ohne erst eine Genehmigung zu brauchen. Die Menschen waren toleranter. Hier kann man kaum einen Schritt machen, ohne dass man irgendwie ein Problem erzeugt.

Frage: Was ist bei den Berufen der Eltern aufgefallen?
Antwort: Die Eltern verlieren an der Qualität ihres Berufsbildes: Aus einer Ärztin und einer Konditorin wurden hier Putzfrauen...

Frage: Was ist das zu verstehen, dass man im Herkunftsland als Faschist bezeichnet wurde?
Antwort: Die Spätaussiedler sind Deutscher Abstammung und waren auch in Russland, etc. als Deutsche ausgegrenzt. Nach den Vorurteilen, die im letzten Krieg entstanden, wurden sie als Faschisten (Nazideutsche) beschimpft. Sie wurden im Herkunftsland also häufig als die Unerwünschten ausgegrenzt. Daher sind sie mit der Hoffnung nach Deutschland gekommen, jetzt endlich in der Heimat zu sein und dazuzugehören. Aber hier werden sie als “Russen” beschimpft. Olga meint daher, dass man das Gefühl hat nirgends dazu zu gehören. Julia sagt sogar, dass sie das Gefühl hat, sich rechtfertigen zu müssen, dass sie hier sein darf.

Frage: Häufig nehmen Einheimische an, dass man die “Russen” erst dann ausgrenzt, wenn sie sich “schlecht” benehmen. Was fällt im Film auf?
Antwort: Die Spätaussiedler werden häufig schon dann ausgegrenzt, wenn sie gerade in Deutschland ankommen und noch sehr jung sind. Lena sagt dazu, dass man das Vertrauen in Einheimische dadurch sehr schnell verliert und sich später auch kaum traut, sich mit ihnen einzulassen.

Frage: Warum kann man Julia im Film nicht sehen?
Antwort: Weil sie schlechte Erfahrungen gemacht hat, wenn Menschen erfahren, dass sie Spätaussiedlerin ist. Interessant dabei ist, dass es nichts mit ihrem Verhalten zu tun hat, denn die meisten Menschen merken ihr es ja überhaupt nicht an.

Frage: Was sagen die Aussiedler selbst über andere (auffällige) Aussiedler?
Antwort: Sie verurteilen das fehlerhafte Verhalten auch. Julia sagt sogar, dass die sie anwidern würden. Das aber bedeutet, dass nicht alle in einen Topf geworfen werden können. Wir können auch nicht alle Einheimischen pauschal verurteilen, nur weil einer irgendwo irgendwas anstellt.

Frage: Wie fühlen sie sich als Spätaussiedler in Deutschland?
Antwort: Sie fühlen sich ausgegrenzt, nicht verstanden, irgendwie mies, als würden sie nirgends dazu gehören, als dürften sie nicht hier sein.

Frage: Was wünschen sie die Aussiedler von den “Deutschen”?
Antwort: Mehr Offenheit und Toleranz, mehr Respekt. Man kann viel voneinander lernen, wenn man sich akzeptiert. Swetlana betont, dass wir alle Menschen sind, egal von welcher “Rasse” wir abstammen.