Ausstellung: Volk auf dem Weg


Seit 1950 haben sich fast 4,5 Mio. Aussiedler, davon rund 2,5 Mio. aus der ehemaligen Sowjetunion, mehrheitlich gut in Deutschland eingegliedert. Nach § 7 des Bundesvertriebenengesetzes ist den Spätaussiedlern die Eingliederung in das berufliche, kulturelle und soziale Leben in der Bundesrepublik Deutschland zu erleichtern. Hierbei handelt es sich um eine gesamtstaatliche Aufgabe, an der Bund, Länder und Gemeinden mitwirken. Die Mehrheit der russlanddeutschen Aussiedlerfamilien aus der ehem. UdSSR, vor allem aus Russland und Kasachstan, hat sich im Landkreis Bad Kissingen gut eingelebt. Schicksale dieser Menschen und ihre Integration in die bundesdeutsche Gesellschaft stehen vom 7. bis 30. Juni 2010 im Mittelpunkt der Wanderausstellung „Volk auf dem Weg. Geschichte und Gegenwart der Deutschen aus Russland“ im Landratsamt Bad Kissingen.

Die Wanderausstellung wird am Mittwoch, dem 09. Juni um 10 Uhr im Landratsamt Bad Kissingen, Obere Marktstr. 6, eröffnet. Die Grußworte sprechen: Thomas Bold, Landrat des Landkreises Bad Kissingen, Ewald Oster, Mitglied des Bundesvorstandes der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Schweinfurt, Martin Pfeuffer, Integrationsbeauftragter für den Landkreis Bad Kissingen. Die Ausstellung ist zeitgleich in Hammelburg und in Bad Brückenau zu sehen. Ab dem 22. Juni sind der Markt Bad Bocklet und der Markt Wildflecken Ausstellungsorte.

Die Ausstellung wird von der Landmannschaft der Deutschen aus Russland e.V., Stuttgart, bundesweit präsentiert und vom Bundesministerium des Innern, Berlin, sowie vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Nürnberg, gefördert.

Für den Landkreis Bad Kissingen mit einem hohen Anteil an russlanddeutschen Spätaussiedlern hat diese Ausstellung eine besondere Bedeutung. Dies soll ein Beitrag sein, Vorurteile abzubauen, das Verständnis für die neuen Bürger zu fördern und damit ihre Eingliederung zu erleichtern. Die geschichtliche Dokumentation wirbt sachlich und eindringlich um Verständnis für die Belange der Russlanddeutschen. Denn zweifellos besteht ein Informationsdefizit über Geschichte und Kultur dieser Neubürger, so dass es immer wieder zu Missverständnissen und offener Ablehnung der Russlanddeutschen kommt.

Ein Teil der Bevölkerung sieht in den russlanddeutschen Familien eine Belastung und ein öffentliches Problem. Dass hier gerade das Gegenteil der Fall ist, wollen manche nicht einsehen: Die deutschen Aussiedler sind ein Gewinn für Deutschland, da sie sich als verlässliche und willige Arbeitskräfte erwiesen haben. Die einheimische Bevölkerung in Deutschland wird immer älter und der Rückgang der Geburtenzahlen ist kaum noch aufzuhalten. Russlanddeutsche dagegen bestehen überwiegend aus jungen Familien mit Kindern und tragen zu einer ausgewogeneren Bevölkerungsstruktur und Sicherung der Rentenkassen bei.

Ihr Beitrag für die Rentenkassen ist aufgrund ihres Kinderreichtums und ihrer im Bundesdurchschnitt eher geringen Arbeitslosenrate erheblich. Sie verfügen über eine gute Schul- und Berufsausbildung und sind flexibel, bescheiden und anpassungsfähig. Dies wird von einem Teil der Bevölkerung leider oft übersehen und dieses Thema auf eine kleine Minderheit aus der Reihe junger Aussiedler mit Integrationsschwierigkeiten reduziert.

Die vom Bundesministerium des Inneren geförderte Ausstellung berichtet über die Auswanderung der Deutschen nach Russland in den Jahren 1763-1862, das Leben in den deutschen Siedlungen an der Wolga, in der Ukraine, im Kaukasus, den Leidensweg dieser Volksgruppe und den aktuellen Stand der Dinge: den Zustrom der Spätaussiedler, besonders in den vergangenen 15 Jahren und über die damit verbundenen Integrationsprobleme unter den heutigen Gegebenheiten, Hilfen seitens der Bundesrepublik für diejenigen, die in der ehem. UdSSR bleiben wollen und vieles mehr.

Sie sind keine „Russen“, die als Russlanddeutsche aus der ehem. UdSSR nach Deutschland zurückkehren. Sie sind mehr als 200 Jahre nach der Einwanderung ihrer deutschen Vorfahren in Russland Deutsche geblieben, trotz Deportation, Verschleppung, Demütigung, Entzug der sprachlichen und kulturellen Grundlagen sowie Diffamierung und Benachteiligung bis in die jüngste Zeit. Sprachprobleme bestehen deshalb, weil es seit 1938 in den deutschen Siedlungsgebieten der ehem. Sowjetunion keine deutschen Schulen mehr gibt. Selbst die Verwendung der deutschen Sprache war in der sowjetischen Öffentlichkeit jahrzehntelang verboten.

Es ist höchste Zeit, dass sich etwas ändert und das positive Bild der Aussiedler herausgestellt wird. In dieser Richtung werden bereits viele Anstrengungen unternommen, darunter auch die Veranstaltungen im Rahmen der o. g. Ausstellung. Mit offenen Augen und Ohren aufeinander zugehen - lautet die Botschaft der Ausstellung, die nicht Mitleid, sondern Verständnis füreinander wecken will. Der Eintritt ist frei. Alle interessierten Bürger und Bürgerinnen sind herzlich eingeladen.